Abwasserleitung dimensionieren nach DIN EN 12056-2
Wie groß muss eine Schmutzwasserleitung sein? DIN EN 12056-2 beantwortet das über Anschlusswerte und eine Gleichzeitigkeitsformel. Dieser Ratgeber zeigt das Verfahren für System I, wie es in Deutschland angewendet wird, mit Tabellen und drei durchgerechneten Beispielen.
Erst das System festlegen
DIN EN 12056-2 („Schwerkraftentwässerungsanlagen innerhalb von Gebäuden – Teil 2: Schmutzwasseranlagen, Planung und Berechnung“) beschreibt vier Anlagenarten, weil sich in Europa unterschiedliche Bauweisen entwickelt haben. Planung und Bemessung beginnen deshalb mit der Wahl des Systems, und dessen Regeln gelten dann durchgehend; Regeln verschiedener Systeme dürfen nicht beliebig kombiniert werden.
| System | Merkmal | Füllungsgrad der Anschlussleitungen | Verbreitung |
|---|---|---|---|
| I | Einzelfallleitungsanlage mit teilbefüllten Anschlussleitungen | 0,5 (50 %) | Deutschland, Schweiz, Österreich, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Italien u. a. |
| II | Kleinere Anschlussleitungen, größeres Mindestgefälle | 0,7 (70 %) | Skandinavien |
| III | Vollgefüllte Anschlussleitungen, Geruchverschluss meist mind. 75 mm | 1,0 (100 %) | Englischsprachige Länder |
| IV | Zwei Fallleitungen: Schwarzwasser und Grauwasser getrennt | 0,5 (50 %) | Frankreich |
Alles Folgende gilt für System I, das in Deutschland übliche Hauptlüftungssystem.
Anschlusswerte DU
Jeder Entwässerungsgegenstand erhält einen Anschlusswert DU (design unit) in Litern pro Sekunde. Die Werte für System I aus Tabelle 2 der Norm, wie sie unser Rechner verwendet:
| Entwässerungsgegenstand | DU (l/s) |
|---|---|
| Waschtisch / Bidet | 0,5 |
| Dusche ohne Stopfen | 0,6 |
| Dusche mit Stopfen | 0,8 |
| Badewanne | 0,8 |
| Küchenspüle | 0,8 |
| Geschirrspüler (Haushalt) | 0,8 |
| Waschmaschine bis 6 kg | 0,8 |
| Waschmaschine bis 12 kg | 1,5 |
| Urinal mit Spülkasten | 0,8 |
| WC, 6- oder 7,5-l-Spülkasten | 2,0 |
| WC, 9-l-Spülkasten | 2,5 |
| Bodenablauf DN 50 | 0,8 |
| Bodenablauf DN 100 | 2,0 |
Gleichzeitigkeit: Qww = K × √ΣDU
Nie fließen alle Gegenstände gleichzeitig ab. Der zu erwartende Schmutzwasserabfluss wächst deshalb nicht linear mit der Summe der Anschlusswerte, sondern mit ihrer Wurzel:
Qww = K × √ΣDU Qww = Schmutzwasserabfluss (l/s) K = Abflusskennzahl (Nutzung des Gebäudes) ΣDU = Summe der Anschlusswerte
| Nutzung | K |
|---|---|
| Unregelmäßige Benutzung: Wohnhäuser, Pensionen, Büros | 0,5 |
| Regelmäßige Benutzung: Krankenhäuser, Schulen, Gaststätten, Hotels | 0,7 |
| Häufige Benutzung: öffentliche Toiletten und/oder Duschen | 1,0 |
| Spezielle Benutzung, z. B. Labore | 1,2 |
Wichtig: Ist Qww kleiner als der größte Einzelanschlusswert, ist dieser Einzelwert der Bemessungsabfluss. Ein einzelnes WC mit 2,0 l/s kann also nie mit weniger als 2,0 l/s bemessen werden, egal wie klein die Summe ist.
Fallleitung mit Hauptlüftung bemessen
Die Fallleitung wird so gewählt, dass ihr zulässiger Abfluss Qmax mindestens den Bemessungsabfluss erreicht. Tabelle 11 der Norm unterscheidet, ob die Anschlussleitungen mit rechtwinkligen Abzweigen oder mit Abzweigen mit Innenradius (Bogen) angeschlossen sind:
| DN | Qmax rechtwinklig (l/s) | Qmax mit Bogen (l/s) |
|---|---|---|
| 60 | 0,5 | 0,7 |
| 70 | 1,5 | 2,0 |
| 80 | 2,0 | 2,6 |
| 90 | 2,7 | 3,5 |
| 100 | 4,0 | 5,2 |
| 125 | 5,8 | 7,6 |
| 150 | 9,5 | 12,4 |
| 200 | 16,0 | 21,0 |
Ist ein WC angeschlossen, braucht die Fallleitung in System I mindestens DN 100, auch wenn der Abfluss eine kleinere Nennweite zuließe.
Das Verfahren in fünf Schritten
- System festlegen (in Deutschland in der Regel System I).
- Alle Entwässerungsgegenstände der Leitung erfassen und ihre Anschlusswerte DU zu ΣDU addieren.
- Abflusskennzahl K nach der Nutzung des Gebäudes wählen und Qww = K × √ΣDU berechnen.
- Bemessungsabfluss bestimmen: Qww oder der größte Einzelanschlusswert, je nachdem, welcher größer ist.
- Fallleitung aus Tabelle 11 wählen (Art der Abzweige beachten, mit WC mindestens DN 100) und die nationalen Ergänzungen nach DIN 1986-100 prüfen.
Unser Rechner führt die Schritte 2 bis 5 für eine Fallleitung mit Hauptlüftung aus; die Bemessung von Anschluss-, Sammel- und Grundleitungen ist nicht enthalten.
Rechenbeispiele
1. Bad im Einfamilienhaus: WC, 6- oder 7,5-l-Spülkasten (2,0), Waschtisch (0,5), Dusche ohne Stopfen (0,6), Badewanne (0,8). ΣDU = 3,9 l/s, K = 0,5. Qww = 0,5 × √3,9 = 0,99 l/s. Das ist weniger als der Anschlusswert des WCs, also ist 2,0 l/s maßgebend. Wegen des WCs wird die Fallleitung DN 100.
2. Mehrfamilienhaus, vier Wohnungen übereinander an einer Fallleitung, je Wohnung WC, Waschtisch, Dusche, Küchenspüle, Geschirrspüler und Waschmaschine bis 6 kg (zusammen 5,5 l/s). ΣDU = 22,0 l/s, Qww = 0,5 × √22,0 = 2,35 l/s. DN 100 mit rechtwinkligen Abzweigen schafft 4,0 l/s und reicht mit Reserve.
3. Hotel, 20 Zimmer an einer Fallleitung, je Zimmer WC, Waschtisch und Dusche: ΣDU = 62,0 l/s, K = 0,7, Qww = 5,51 l/s. DN 100 reicht weder mit rechtwinkligen Abzweigen (4,0 l/s) noch mit Bogen (5,2 l/s); erforderlich ist DN 125 (mit Bogen ebenfalls DN 125). Alternativ wird auf zwei Fallleitungen aufgeteilt.
Gegenbeispiel ohne WC: Küchenspüle und Geschirrspüler ergeben ΣDU = 1,6 l/s und Qww = 0,63 l/s; maßgebend ist der größere Einzelwert 0,8 l/s, und Tabelle 11 ließe bereits DN 70 zu.
Grundregeln aus der Norm
- Die Nennweite einer Abwasserleitung darf in Fließrichtung nicht verringert werden.
- Jeder Entwässerungsgegenstand wird über einen Geruchverschluss angeschlossen; die Mindest-Geruchverschlusshöhe beträgt 50 mm (System III braucht meist 75 mm).
- Belüftungsventile müssen EN 12380 entsprechen. Ob und wo sie eingesetzt werden dürfen, regeln nationale und regionale Vorschriften.
- Lüftungsleitungen werden, wo nötig, zur Atmosphäre hin offen geführt: Die Hauptlüftung ist die über Dach verlängerte Fallleitung.
In Deutschland ergänzt DIN 1986-100 (aktuelle Ausgabe 2016-12) die europäischen Normen um nationale Festlegungen, unter anderem zur Bemessung von Einzel- und Sammelanschlussleitungen und zu Mindestnennweiten. Die Norm DIN EN 12056-2 allein reicht für eine vollständige Planung nicht aus; prüfen Sie DIN 1986-100 und die örtlichen Vorschriften vor der Ausführung.
Typische Fehler
- Anschlusswerte einfach addieren und die Summe als Abfluss nehmen. Erst über K × √ΣDU ergibt sich der zu erwartende Abfluss.
- Den größten Einzelanschlusswert übersehen, wenn wenige Gegenstände angeschlossen sind.
- Die DU-Werte eines anderen Systems verwenden. Die Tabellenwerte unterscheiden sich je nach System I bis IV.
- Bei angeschlossenem WC eine Fallleitung unter DN 100 wählen.
- Für ein Hotel oder eine Schule K = 0,5 ansetzen. Die Nutzung bestimmt K, nicht die Größe des Gebäudes.
Häufige Fragen
Wie berechnet man den Schmutzwasserabfluss?
Qww = K × √ΣDU. Für ein Wohnhaus (K = 0,5) mit ΣDU = 22,0 l/s ergeben sich 2,35 l/s.
Welche Nennweite braucht eine Fallleitung mit WC?
In System I mindestens DN 100, unabhängig vom berechneten Abfluss.
Gilt DIN 1986-100 zusätzlich?
Ja. In Deutschland ergänzt DIN 1986-100 die DIN EN 12056 um nationale Festlegungen; beide sind zusammen anzuwenden.
Quellen
- DIN EN 12056-2:2001-01, Schwerkraftentwässerungsanlagen innerhalb von Gebäuden – Teil 2 (DIN Media)
- DIN 1986-100:2016-12, Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke – Teil 100 (DIN Media)
- J. Weinhold, „Neue Technische Regeln für Entwässerungsanlagen, Teil 3“, SBZ 3/2001 (Systemtypen und Planungsregeln der EN 12056-2)
- Tabellen 2, 3 und 11: unsere Rechnerdaten, übernommen aus Planungshandbüchern von Herstellern (Jung Pumpen, Geberit), die die Tabellen der EN 12056-2 wiedergeben (siehe Quellen und Methodik)
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